Graswurzeln

Als Graswurzelbewegung wird im deutschsprachigen Raum eine politische oder gesellschaftliche Initiative bezeichnet, die aus der Bevölkerung heraus, also „von unten”, entsteht. (Wikipedia.org)

Kryptonite - oder: Könnte auch in der Schweiz ein Skandal in der Blogosphäre beginnen? März 16, 2008

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In den USA ist die Firma Kryptonite dafür bekannt, besonders sichere Fahrradschlösser herzustellen. In der Blogosphäre hingegen kennt man Kryptonite als Synonym dafür, was Blogs anrichten können.
Kryptonite erlebte 2004 ein wahres Fiasko, begonnen hatte es im Internet.

Ein Biker entdeckte, dass sich sein Kryptonite Fahrradschloss mit Hilfe eines einfachen Plastikkugelschreibers knacken liess.
Kappe hinten abziehen,  mit dem Stift etwas in der Schlüsselöffnung herumstochern und das Schloss gab nach. Er warnte mit einer knappen Notiz andere Fahrradfahrer in einem Bikeforum. Nachdem dort viele ungläubig reagierten, testete Benjamin Running diese Methode, ein Kryptonite-Schloss zu öffnen, und hielt seinen geglückten Versuch auf einem Video fest, welches er auf seine Homepage stellte.

Von dort dauerte es nicht lange, und das Video verbreitete sich in den Blogs. Laut der Blog-Suchmaschine Technorati haben nach nur einer Woche bereits 1,8 Millionen User das Video gesehen. Es tauchten weitere Videos auf, die bewiesen, dass es sich nicht nur um einen Konstruktionsfehler eines Fahrradschlosses handelte, sondern dass sich eine ganze Reihe von Fahrradschlössern (auch von anderen Herstellern) mit einem Stift öffnen liessen.

Bei Kryptonite soll man zu diesem Zeitpunkt von der überdurchschnittlich hohen Internetpräsenz der eigenen Firma gehört haben, doch Kryptonite beschloss, das Problem auszusitzen.

Sie ignorierten nicht nur die entbrannte Diskussion unter Bloggern, sondern auch die darauf folgenden erbosten Mails von Kunden und Kundinnen.

Erst als der Skandal auch in die herkömmlichen Medien gelangte (allen voran die New York Times) kündigte Kryptonite eine Rückrufaktion an. Zu diesem Zeitpunkt hatte Kryptonite nicht nur den finanziellen Schaden (welcher vom US-Wirtschaftsmagazin “Fortune” auf zehn Millionen Dollar geschätzt wird) sondern auch einen nicht zu unterschätzenden Imageschaden.

Offenbar war sich die PR-Abteilung von Kryptonite nicht bewusst, welche Macht das Internet mittlerweile besitzt. In einem Artikel zum Thema (c’t 19/05, Aufruf: 16.3.2008 ) wird der Internet-Berater Martin Roell zitiert:

“Kryptonite schien nicht recht erfasst zu haben, dass sie nicht nur ein kleines Problem, sondern eine handfeste Krise hatten. [...]

Künftig werden immer mehr Produktprobleme online enteckt werden und Kommunikationskrisen online starten. Nur wenige Unternehmen sind darauf vorbereitet.”

Im deutschsprachigen Raum hat es bisher noch nichts Vergleichbares gegeben. Dies liegt vorallem daran, dass die deutschsprachigen Länder in Sachen Blogs ein Entwicklungsgebiet sind.
Blogsstats.de hatte im September 2005 62′000 Blogs in Deutschland angegeben (http://www.sixtus.net/article/612_0_2_0_C1/, c’t 19/05, Aufruf: 16.3.2008 ), geht man von einer Verdoppelung der Blogs alle 5 Monate aus, wie sie Sixtus (http://www.sixtus.net/article/612_0_2_0_C1/, c’t 19/05, Aufruf: 16.3.2008 ) annimmt, wären das bis heute etwa 3′968′000 deutsche Blogs, vermutlich sind es in Österreich noch einmal so viele. Die vom Gratismagazin “Heute” lancierte Schweizer Blog-Suchmaschine hatte am 12. März 2008 2000 Blogs verzeichnet (wobei es spannend wäre, zu wissen, wie sie auf diese Zahl kommen). Es ergäben sich also etwa 8 Millionen deutschsprachige Blogs. Davon sind allerdings nur etwa 30 % non-personal Blogs, also Blogs, die nicht lediglich Tagebücher sind (Dachtler: Watchblogger - eine individualethische Analyse deutscher Weblogs. Kapitel 2.3. Aufruf: 24.2.2008 ). Somit ergäbe sich eine Zahl von etwa 2,4 Millionen Blogs, welche bei der Aufdeckung eines solchen Skandals mitwirken könnten. Möglicherweise wäre also ein Skandal in der deutschsprachigen Blogospähre möglich, in der Schweizer Blogosphäre hingegen würde es wohl nur zum Sturm im Wasserglas reichen.

 

2 Responses to “Kryptonite - oder: Könnte auch in der Schweiz ein Skandal in der Blogosphäre beginnen?”

  1. Franziska Says:

    Bei dieser unglaublichen Anzahl Blogs, obwohl nur 30% davon unpersönliche sind, ist es ja eigentlich nicht weiter erstaunlich, dass solche Nachrichten wie beispielsweise beim Fall Kryptonite in Windeseile um die Welt gehen. Ich bin mir noch nicht wirklich bewusst, wie rasant sich solche Nachrichten im Netz verbreiten können, weil ich mir dazu immer überlege, dass der Leser ja irgendwie danach suchen muss um darauf zu stossen. Oder zumindest ein offenes Auge und nötiges Interesse fürs Thema aufweisen, um sich auch entsprechende Links anzuschauen etc. Ich könnte mir vorsellen, dass eben solche Firmen - wie am Beispiel Kryptonite - die Auswirkungen solcher Negativkritik vielleicht aus ähnlichen Gründen massiv unterschätzen. Aber offenbar scheint die Community und das Kommunikationssystem zu funktionieren, wobei ich vermute, dass garnicht alle, die an der Verbreitung teilgenommen haben, irgendwelche Freaks sein müssen, sondern ganz normale User sind, welche die Möglichkeiten des Web 2.0 täglich nutzen.

  2. Sebastian Says:

    Apropos Unternehmen und Ignoranz gegenüber “einfachen” Menschen: Schau dir mal folgende Geschichte an: http://blog.emeidi.com/2006/08/partyguide-schreibt-meinem-arbeitgeber.html

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